Reiner G.
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📅 13. Apr 2024, 09:47 Themenersteller
#402
Hallo zusammen,
ich bin Maschinenbauer, kurz vor der Rente und habe mir vor ein paar Jahren überlegt, noch ein bisschen was für später zu tun. Seit gut zwei Jahren bespare ich einen ETF-Sparplan mit 100€ im Monat – aktuell über die DKB auf einen MSCI World. Läuft soweit, keine Beschwerden.
Jetzt lese ich aber ständig, dass man zwischen thesaurierenden und ausschüttenden ETFs unterscheiden soll. Mein aktueller ist thesaurierend (der Xtrackers MSCI World Swap). Hab ich irgendwo gelesen, dass das wegen Steuerstundung besser sein soll – aber konkret erklärt hat's mir noch keiner so richtig.
Meine Fragen:
- Macht das bei 100€ monatlich überhaupt einen spürbaren Unterschied?
- Ab welchem Depot-/Sparvolumen fängt der Steuerstundungseffekt an, sich wirklich zu lohnen?
- Und: Ich bin in 3 Jahren in Rente – ändert das was an der Überlegung? Ich mein, dann will ich ja vielleicht eher regelmäßige Ausschüttungen als dass alles reinvestiert wird.
Online finde ich da widersprüchliche Sachen – mal heißt es, thesaurierend ist immer besser, mal heißt es, der Unterschied ist marginal. Ich werd da nicht schlau draus. Vielleicht kann mir hier jemand auf die Sprünge helfen der das wirklich durchgerechnet hat und nicht nur Artikel abschreibt.
Danke schonmal. 🙂
Noch 3 Jahre und ich hör auf – wenn's klappt.
— Noch 3 Jahre und ich hör auf – wenn's klappt.
Sven23
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📅 14. Apr 2024, 14:47
#403
ok also kurze antwort: bei 100€/monat ist der unterschied so klein dass du dir keinen kopf machen musst 😅 ich hab mal irgendwo gelesen dass der steuerstundungseffekt bei kleinen beträgen im bereich von ein paar euro pro jahr liegt. also buchstäblich ein kaffee bei starbucks.
aber ich bin auch nur azubi also vielleicht weiß hier jemand mehr lol 😂 ich glaub @Mod_Sabine_PF kennt da die genauen zahlen
— broke aber wenigstens informiert 😂
Sabine (Mod)
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📅 21. Apr 2024, 14:47
#404
Hi Reiner, gute Fragen – und ja, das Thema wird im Netz tatsächlich oft unnötig kompliziert oder falsch dargestellt.
Zur ersten Frage: Bei 100€ monatlich ist der reine Steuerstundungseffekt in der Aufbauphase tatsächlich sehr gering. Grob gerechnet: Der MSCI World schüttet im Schnitt ca. 1,5–2% aus. Bei einem Depotstand von z.B. 5.000€ wären das etwa 75–100€ Ausschüttungen pro Jahr. Davon gehen nach Abzug des Sparerpauschbetrags (1.000€ Single) in den ersten Jahren oft gar keine Steuern weg – weil du den Freibetrag vermutlich noch nicht ausschöpfst.
Der Steuerstundungseffekt spielt also erst richtig ab einem Depotvolumen, bei dem deine Ausschüttungen den Sparerpauschbetrag übersteigen. Das sind bei 1,5% Dividendenrendite ca. 67.000€ Depotstand. Bis dahin ist thesaurierend vs. ausschüttend steuerlich weitgehend egal.
Zu deinem dritten Punkt – und das ist der eigentlich interessante: In der Entnahmephase kann ausschüttend sogar praktischer sein, weil du dir das manuelle Verkaufen sparst. Aber das ist eine Frage der Bequemlichkeit, nicht der Rendite.
Kurz: Du machst nichts falsch mit deinem aktuellen thesaurierenden ETF. Für 3 Jahre Ansparzeit würde ich da nix umstellen.
— Fairness, Fakten, Freundlichkeit – dafür stehe ich als Mod.
Kai R.
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📅 22. Apr 2024, 14:47
#405
Sabine hat das im Kern korrekt dargestellt. Ich möchte noch einen Punkt ergänzen, der oft übersehen wird:
Seit der Reform der Investmentbesteuerung 2018 gibt es bei thesaurierenden ETFs die sogenannte Vorabpauschale. Das bedeutet: Auch thesaurierende Fonds werden nicht mehr vollständig bis zum Verkauf steuerfrei gestellt. Jährlich wird ein fiktiver Mindestgewinn (basierend auf dem Basiszins) besteuert. In Jahren mit niedrigem Basiszins (2019–2022 war er teilweise 0%) war das faktisch null. Seit 2023 ist der Basiszins wieder höher – 2024 lag er bei 2,29%.
Konkret für deinen Sparplan: Bei 5.000€ Depotstand und einem Basiszins von 2,29% wäre die Vorabpauschale ca. 82€ – davon 70% steuerpflichtig (Aktien-ETF), also ca. 57€. Abgeltungssteuer darauf: etwa 15€. Sofern du den Sparerpauschbetrag noch nicht ausgeschöpft hast, zahlt du auch das nicht.
Der Steuervorteil thesaurierender ETFs ist seit 2018 also deutlich kleiner als er früher war. Das ändert nichts daran, dass der Xtrackers MSCI World Swap ein solider ETF ist – aber die Entscheidung thesaurierend/ausschüttend sollte man nicht mehr primär steuerlich begründen.
— Konditionen vergleichen lohnt sich – immer.
Pit W.
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📅 22. Apr 2024, 15:37
#406
@KontoKompass_Kai hat recht mit der Vorabpauschale, das vergessen die meisten Artikel tatsächlich zu erwähnen. Der "Thesaurierer ist immer besser"-Mythos stammt aus der Zeit vor 2018.
Was ich noch dazugeben würde: Für jemanden der in 3 Jahren in Rente geht und dann tatsächlich regelmäßige Einnahmen braucht, kann es sinnvoll sein, sich schon jetzt zu überlegen ob man zum Renteneintritt umschichtet oder einfach einen ausschüttenden ETF wählt. Die steuerliche Seite ist dabei fast egal – es geht um die Cashflow-Planung.
Ich hab selbst beides im Depot und ehrlich gesagt ist der psychologische Effekt bei Ausschüttern nicht zu unterschätzen: Man sieht dass was reinkommt. Das motiviert. 😄
— FIRE ist kein Schreibfehler. 🔥
Monika aus Chemnitz
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📅 23. Apr 2024, 00:48
#407
Hallo Reiner, ich bin auch aus Chemnitz und auch nicht mehr die Jüngste 😄 Ich hab fast die gleiche Frage vor einem Jahr hier gestellt und bin dann bei einem ausschüttenden Vanguard FTSE All-World gelandet. Einfach weil mir die Ausschüttungen quasi als "Beweis" gefallen dass das Geld wirklich arbeitet.
Steuerlich ist das laut meinem Steuerberater bei meinem Depotvolumen (ca. 12.000€) absolut wurscht. Der hat mir das auch so erklärt wie @Mod_Sabine_PF – solange ich den Freibetag nicht überschreite zahle ich nix.
Also: mach dir keinen Kopf, beide Varianten sind ok 👍
Zuletzt bearbeitet von Monika aus Chemnitz am 23. Apr 2024, 03:51 – Grund: Tippfehler (Freibetag → Freibetrag)
Nadine G.
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📅 23. Apr 2024, 06:04
#408
Kleiner Einwurf noch, der vielleicht nicht direkt zur Steuerfrage passt aber trotzdem relevant sein könnte: Du hast einen Swap-basierten (synthetischen) ETF – den Xtrackers MSCI World. Das ist legitim und hat sogar kleine steuerliche Vorteile bei ausländischen Quellensteuer, aber es gibt ein theoretisches Kontrahentenrisiko (ist durch UCITS-Regeln auf 10% begrenzt, also überschaubar).
Falls dir das irgendwann unwohl ist: physisch replizierende Alternativen wie der iShares Core MSCI World oder der Vanguard FTSE Developed World machen bei 100€/Monat keinen spürbaren Performance-Unterschied. 🌱
Zum eigentlichen Thema: Sabines Antwort trifft's für mich auf den Punkt. Bei deinem Volumen und Zeithorizont – keine steuerlich relevante Differenz.
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Paula
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📅 24. Apr 2024, 18:04
#409
Ich find das immer lustig wenn man so einen Thread liest und dann merkt: ich hab mir über genau diese Frage auch ewig den Kopf zerbrochen und am Ende hat's keine Rolle gespielt 😂
Ich spar auch 100€/Monat (plus 50€ für mein Kind im Junior-Depot) und hab einfach den ausschüttenden Vanguard All-World genommen weil der Name so schön klingt. Okay das war nicht ganz ernst gemeint – aber nach allem was ich gelesen hab ist die Entscheidung bei unseren Beträgen wirklich Geschmackssache.
Was mir niemand vorher gesagt hat: Ausschüttungen musst du selbst im Freistellungsauftrag im Blick haben. Die landen auf dem Konto und werden automatisch versteuert wenn kein Freistellungsauftrag eingerichtet ist. Das hab ich am Anfang vergessen. 🙈
— Sparen mit Kind und Hund – geht, wenn man weiß wie 😄
Reiner G.
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📅 26. Apr 2024, 01:04
#410
Wow, vielen Dank für die schnellen und ausführlichen Antworten! Das hat mir schon sehr geholfen.
Was ich mitgenommen habe:
- Steuerstundungseffekt ist bei meinem Volumen quasi null – vor allem weil ich den Sparerpauschbetrag noch lange nicht ausschöpfe
- Die Vorabpauschale macht thesaurierend seit 2018 weniger attraktiv als früher
- Für die Entnahmephase könnte ausschüttend praktischer sein
@PassivEinkommen_Pit – den Punkt mit der Cashflow-Planung für die Rente finde ich sehr sinnvoll. Ich werd mal überlegen ob ich kurz vor Rente noch umschichte oder einfach anfange manuell zu verkaufen.
@PennyPinnerin_Paula – den Freistellungsauftrag hab ich glücklicherweise eingerichtet, das war das erste was mir mein Kollege gesagt hat 😄
Ich glaub ich lass erstmal alles so wie es ist. Der Xtrackers läuft, die Kosten sind niedrig (0,12% TER), und in drei Jahren schau ich nochmal neu. Danke nochmal in die Runde!
— Noch 3 Jahre und ich hör auf – wenn's klappt.
Michael B.
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📅 26. Apr 2024, 09:56
#411
Ich bin spät dran hier, aber vielleicht hilft's noch jemandem der den Thread findet.
Ich hab das mal konkret durchgerechnet für einen 20-Jahres-Sparplan mit 100€/Monat, 7% p.a. angenommene Rendite und 1,5% Ausschüttungsrendite:
- Thesaurierend: Endwert nach 20 Jahren ca. 52.400€ (Vorabpauschale jährlich berücksichtigt, vereinfacht)
- Ausschüttend: Endwert ca. 51.800€ – wenn man Ausschüttungen sofort reinvestiert
Differenz: ca. 600€ über 20 Jahre. Das ist real, aber in Relation zu 24.000€ Einzahlungen – also ca. 2,5% Unterschied – eher akademisch. Und das ist ohne zu berücksichtigen, dass du in den ersten Jahren eh unter dem Freibetrag bleibst.
Fazit: Für Sparplangrößen unter 300–400€/Monat würde ich die Entscheidung komplett an anderen Kriterien festmachen (Psychologie, Cashflow, ETF-Kosten) und nicht an der Steuer.
— Spät gestartet, aber dafür ordentlich.
Zuletzt bearbeitet von Michael B. am 26. Apr 2024, 12:46 – Grund: Zahl korrigiert (Einzahlungen 20 Jahre = 24.000€, nicht 20.000€)
Ulf P.
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📅 26. Apr 2024, 13:43
#412
Guter Thread. Ich ergänze noch einen Aspekt der für Reiner konkret relevant ist: Teilfreistellung.
Bei Aktien-ETFs sind 30% der Erträge steuerfrei (Teilfreistellung). Das gilt sowohl für Ausschüttungen als auch für die Vorabpauschale und den Veräußerungsgewinn. Das mindert den nominalen Steuervorteil des Thesaurierers nochmals, weil auch beim Ausschütter nicht 100% der Ausschüttung versteuert wird.
Praktischer Hinweis für die Rentenplanung: Wenn du in Rente gehst und dann einen niedrigeren Steuersatz hast (was bei vielen der Fall ist), kann es sogar vorteilhaft sein, in der Rentenphase Gewinne zu realisieren – dann zahlst du auf den Teil über dem Sparerpauschbetrag ggf. nur den persönlichen Einkommensteuersatz statt der pauschalen 25% Abgeltungssteuer (Günstigerprüfung). Das ist ein echter Hebel, den kaum jemand auf dem Schirm hat.
— Von aktiven Fonds zu ETFs – hätte ich früher machen sollen.
Sven23
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📅 26. Apr 2024, 20:43
#413
ETF_Umsteiger_Ulf schrieb:Günstigerprüfung
ok das wort hab ich heute zum ersten mal gehört und ich bin jetzt 10 minuten auf wikipedia versunken 😂 warum redet niemand über sowas wenn man anfängt zu investieren?? das klingt tatsächlich sinnvoll wenn man im alter weniger verdient
danke für den tipp ulf, echt
— broke aber wenigstens informiert 😂
Sabine (Mod)
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📅 26. Apr 2024, 21:57
#414
@ETF_Umsteiger_Ulf sehr guter Punkt mit der Günstigerprüfung – den hätte ich selbst noch ergänzen sollen.
Zur Klarstellung für alle Mitleser: Die Günstigerprüfung muss man beim Finanzamt aktiv beantragen (in der Steuererklärung). Das Finanzamt macht das nicht automatisch. Wer im Rentenalter unter dem Grundfreibetrag oder mit niedrigem persönlichem Steuersatz liegt, sollte das definitiv prüfen – da können je nach Depotgröße durchaus mehrere hundert Euro Steuererstattung drin sein.
Guter Abschluss für diesen Thread, finde ich. Reiner, du bist gut aufgestellt. 👍
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